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Nachhaltigkeit, Wirtschaft und die reale Welt

In Sustainability&CSR on 2. August 2015 at 21:59

93 Prozent der 250 größten Unternehmen der Welt haben einen Nachhaltigkeitsbericht. Das ist eine gute Nachricht. Aber niemand interessiert es.

Ähnlich verhaltet es sich mit den Gütesiegeln und den zahllosen Awards. Man möchte angesichts der vielen Awards, Messen, Gütesiegel und CR/CSR/Nachhaltigkeitsberichte, integriert oder nicht, meinen, die Welt ist eine andere geworden.

Nur gute Nachrichten überall, nur saubere, glücklich strahlende Menschen tollen auf grünen Wiesen herum, abwechselnd Lämmer und dann mal Kinder oder am besten Kinder mit Teddybären herzend. Es nimmt sich aus wie ein Gemälde zur heilen Welt, in dem natürlich nicht die „kritischen“ NGOs fehlen dürfen, die schon lange ihr Herz und Seele an den jeweils bestbietenden verkauft haben. All diese Inszenierungen interessieren immer weniger, sind selbstreferentiell und bewegen niemanden mehr.

Warum? Erstens, weil sich immer öfters und drängender herausstellt, die Botschaften sind nicht wahr bzw. stimmen so nicht ganz, wie behauptet. Skandal um Skandal reiht sich mittlerweile in der Nachhaltigkeitsszene. Zweitens, viele der „heilen“ Unternehmen und „guten“ NGOs findet man immer häufiger in den Schlagzeilen und shit-storms. Da Betrug, dort Korruption, hier gierige Manager und die totale Überwachung wie die reklamationssichere Beta-Version sind sowieso Teil der Geschäftsbedingungen. Drittens, es fehlt an kritischen und unabhängigen Medien, die über Nachhaltigkeit kompetent und interessant berichten können. Die vielen guten Botschaften, die es dennoch gibt, haben keinen Hintergrund und kein Dispositiv.

Nachhaltigkeit kommt nicht vom Fleck, weil drei Herausforderungen offen und zu meistern sind, um den oben skizzierten Befund konkreter zu erörtern: Erstens, Kommunikation/Medien, zweitens, die gesellschaftspolitische Dimension und drittens die Herausforderung der Überprüfung.

Nach wie vor wird Nachhaltigkeit mit sehr verstaubten Medienkonzepten abgebildet, sieht man sich die aktuelle Landschaft grüner Medien an. Wagen sich konventionelle Medienhäuser daran, so sind sie regelmässig bisher gescheitert, weil es ihnen schlicht an Kompetenz und Glaubwürdigkeit fehlt und diese blamable Tatsache will man sich nicht eingestehen. Die Verlage scheitern hier an der eigenen Inzucht, ihren selbstgesteckten Normen und Angst vor Innovation. Der Mangel an Innovation illustriert die jüngste Vergangenheit: Keine einzige der kommunikativen Revolutionen kam aus den großen oder kleinen Medienhäuser: Twitter, facebook, pinterest etc. pp. So verwundert es nicht, dass Medien der Nachhaltigkeit noch nicht existieren. Da ist sehr viel Luft, Potential und Phantasie drinnen.

Was es hier braucht, wären drei bis vier Leitmedien der Nachhaltigkeit. Bis dahin muss die Zukunft auf ihre Medien warten. Dieses Vakuum wird aktuell durch die Social Media besetzt, die diese Rolle strukturell aber nicht erfüllen können. Viele Indianer, die plötzlich Häuptlinge spielen müssen und auch möchten, doch an allen Ecken und Enden fehlen ihnen die Visionen, die Kompetenzen, das Leadership und die Entwürfe.

Dies leitet über zur zweiten Herausforderung, die gesellschaftspolitische Dimension. Es fehlt der große Wurf zur tatsächlichen Verbesserung der Welt. Gerne wird die Tatsache übersehen, dass Nachhaltigkeit eine dezidiert gesellschaftspolitische Dimension aufweist, die viele der Honoratoren der Nachhaltigkeit bestenfalls in ihren Sonntagsrede streifen möchten. Im Alltag weniger, denn da kann man sich rasch in sehr unangenehmen Dickicht verheddern.

Nachhaltigkeit ohne die Herstellung von sozialer und auch kommunikativer Gerechtigkeit wird aber nicht gelingen. Als Standard können und sollen die Menschenrechte dienen. Die Tücke jedoch steckt im Detail. Eines der Details ist die Glaubwürdigkeit und dies leitet zur dritten Herausforderung über: Die der Evaluierung, der Überprüfung, der Testierung, also der Qualitätskontrolle allgemein gesprochen, die sich schlussendlich durch ein Siegel, einen Preis, ein Ranking, einen Nachhaltigkeitsbericht oder anderen Kommunikationsinstrumenten ausdrückt

Faktisch hat man es mit einem Kartell von Gutachtern, Juroren und Gremien zu tun, welche im hohen Grade selbstreferentiell und auch meist wenig transparent sind und in einem sehr dichten Geflecht an Unvereinbarkeiten stecken, die man wahrscheinlich in keinem anderen Bereich dulden würde. Hier braucht es endlich unabhängige Institutionen und Initiativen für eine unabhängige Kontrolle; unabhängig von Staat, Wirtschaft und NGOs. Zumindest braucht es rasch eine Entflechtung und Transparenz.

Mit anderen Worten, der Reformbedarf ist groß, aber umsetzbar, denn allen Beteiligten darf man guten Willen und beste Absichten unterstellen. Keiner der Akteure ist zu dumm, um nicht zu sehen, dass es ohne kritische Medien, Transparenz, Glaubwürdigkeit und sozialer Gerechtigkeit nicht mehr geht. Jetzt braucht es halt Mut zur Veränderung, bevor der Leidensdruck und die Not das Kommando endgültig übernehmen.

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