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Die Welt Y – eine literarische Episode

In And now, something completely different on 2. August 2015 at 22:11

Ken Jebsen ist mittlerweile Regierender Bürgermeister von Berlin. „Man hatte damals den populistischen Rechtsextremismus einfach unterschätzt“, sagt Miriam. „… er ging mit ein paar halbwahren Fakten ins Rennen, so dass die Presse gekauft sei und paar wenige den Globus beherrschen, nahm aber alles zum Beweis seines Wahngebäudes, wonach wir eine globale jüdische Weltverschwörung hätten.“ 

Wusstest Du, dass Hitler am 1. Mai 1927 in einer öffentlichen Ansprache folgendes sagte?

„Wir sind Sozialisten und Feinde, Todfeinde des derzeitigen kapitalistischen Wirtschaftssystems mit seiner Ausbeutung der wirtschaftlich Schwachen, mit seinen ungerechten Löhnen, mit seiner unmoralischen Bewertung von Personen nach Wohlstand und Geld anstatt nach Verantwortung und Leistung, und wir sind entschlossen, dieses System unter allen Umständen abzuschaffen!“


Hier liegt das Problem. „Die Kritik kritisierungswürdiger Probleme aus einer rechtsnationalen völkischen Perspektive macht die Kritisierten immun. Es kann dem Kritisierten nix besseres passieren, wenn er von ganz Rechts kritisiert wird“, ergänze ich. „Wir haben diese Auseinandersetzung verloren. Europa ist verloren. Man sah nicht den Antijudaismus der organisierten Zivilgesellschaft“, sagt Miriam und blickt glücklich, aber doch traurig, also melancholisch, hinunter auf die HaKotel. 

Unsere Reise hat länger gedauert. Wir sind in Jerusalem angekommen. Unser Sohn und Schutzengel waren schon da. Es kam zu einem Krieg zwischen der NATO und Russland und der faschistische Nationalismus erhob sich in Europa. Juden konnten in knapper Not noch aus Europa flüchten, in den USA verstand man endlich, spät aber doch, dass das Match Demokratie gegen Despotien lautet und sie zogen einen Cordon Sanitaire rund um Israel und Großbritannien.


Das kontinentale Europa ist gefallen. Osteuropa und Nordeuropa stehen unter russischer Herrschaft, der Balkan, Südspanien, Italien sind Teil eines Türkischen Emirats geworden. Nur Deutschland, welches sich Tirol, Südtirol, Vorarlberg und die Schweiz einverleibt hat, und Frankreich, das Belgien und Niederlande nahm, blieben von Europa übrig, die nun faschistische Diktaturen sind. 

Wir hatten es mit knapper Not geschafft. Rund um Israel ist eine Energieglocke gelegt; eine israelische Erfindung, die ein Gebiet vollständig mit einem Schild aus plasmischer Hochenergie innerhalb einer Mikrosekunde umschließen und sogar massive Atombombenangriffe abwehren kann. Wir leben in Sicherheit, die Welten sind voneinander abgeschottet. Um keinen Preis der Welt will man diese Technologien in falsche Hände fallen lassen. Das hat man verstanden. Es existieren kein Handel, kein Austausch, keine Botschaften, keine diplomatische Beziehungen, keine Hilfe, nichts … absolute Abschottung. Stille.


Man sieht zu, wie die Barbaren sich gegenseitig vernichten und gleich wie Zombies in ihrem Wahnsinn wüten. Sie sehen unseren Wohlstand, unser Glück und hassen uns dafür. Alle anderen Staaten hatten sich entschieden, auf wessen Seite sie stehen. Wer mit uns Demokratien war, stand unter dem Schutzschirm, wer nicht, nicht und wurde schnell Beute der Diktaturen. Neutralität gab es nicht. Ein Staat musste mindestens eine 40-jährige Geschichte einer respektablen Demokratie vorweisen können, um Anwärter zu werden. Hernach musste der Staat rigide Transparenzgesetze verabschieden, das Mehrfach-Funktionärswesen war verboten und eine sehr strenge Gewaltentrennung und Trennung von Staat und Partei und Religion war obligatorisch.


Wir sehen zu, wie diese Diktaturen langsam, aber sicher verenden und der technologische Abstand fast schon täglich immer größer und größer wird. Wir mischen uns nicht mehr ein und warten den vollständigen Zusammenbruch einfach ab. Ich lese gerade, dass wir aus gewöhnlichem Fett Knochen erwachsen lassen können und alle Kinder gegen Karies geimpft werden. Ich finde, das sind gute Nachrichten.


Regelmäßig gehen Freiwillige raus aus der Schutzschild, den wir David Magen nennen. Es kommt immer der Moment in einem Leben, wo man das Leid und das Elend des Anderen nicht ertragen kann. Sie, die Freiwilligen, sammeln verlassene Babies und Kinder, die noch nicht sprechen können, ein, und bringen sie hinter den Schild. Der Einsatz ist ihr eigenes Leben. Sehr viele Mütter jenseits des Schilds nutzen diesen Ausweg, um so eine bessere Zukunft für ihre Kinder zu sichern. 

Sie hinterlegen ihre Kinder in Körbchen nahe der Grenzen. Wir sehen sie fast immer, es ist fast immer Nacht, und wir wissen fast immer genau, wo die Kinder liegen. Es ist herzzerreißend. Die Abschiede. Voll Mut, Anmut und Verzweiflung. Das Kalkül der Mütter geht auf. Es geht stets auf. Es sind gute Mütter. Und sie dürfen sich auf uns verlassen. Ein stiller Vertrag. Er wurde geschrieben mit dem Blut der Freiheit, als wir aus Ägypten auszogen. Diese Mütter werden den Aufstand einst tragen, denn sie werden nie vergessen, dass sie für Barbaren ihre Kinder haben weglegen, haben opfern müssen.


Eine Mutter verschwand aber einst spurlos mit ihrem jung geborenen Kinde. Es war eine große Aufregung, denn sie war schon erfasst worden von uns. Man ahnte, dass an den Energiegrenzen Raum-Zeit Anomalien entstehen konnten, die Schlitze bilden im Raum-Zeit Gewebe. Durch diese Schlitze verschwanden immer wieder Gegenstände, Steine, Bäume, aber noch nie mobiles Leben. Man dachte, dies sei nicht möglich. Ein Irrtum, wie sich herausstellte. Aber es war nicht der einzige Grund für die Aufregung, sondern vielmehr, dass sie Jüdin war. Unsere Überwachungssensoren hatten dies eindeutig festgestellt. Man hörte von Berichten, wonach es die eine oder andere Gruppe nicht mehr geschafft hätte. Man verdrängte dieses Wissen. Aber hier, in diesem Fall, hier hätte es jemand von der „Am Israel“ bis zur Grenze geschafft und verschwand dann. Der Protagonist hob aufmerksam die Augenbrauen, er ahnte, wer diese Frau gewesen sein konnte. Jene Frau, die sie einst verloren und die eine Nachfahrin vom ersten Sklaven Marc Aurels und Danu war und ihr Kind mit einem Amulett aus Gold am Limes zur Donau begrub, wo das „Schma Israel“ eingraviert stand.


Der Protagonist zitiert sich selber und blickt verunsichert in den Bericht, der im „Das Buch Naftoli“ steht: „Hier verlor an einem römischen Gräberfeld bei Halbturn längs des Limes eine Mutter ihr Herz. Sie legte ein goldenes Amulettblech in einen Mesusazylinder eingerollt als Grabbeigabe für ihr Kind bei. Wir schreiben das Jahr 280 nach der Zeitrechnung. Auch ihr Herz ging nie verloren. Auf dem Amulett stand in griechischen Buchstaben die Essenz des Judentums, eines jeden Juden geschrieben: Schma Israel, Adonai elohenyu, Adonai echad. Das Kind war das Ururur-Enkelkind von Naftoli, dem ersten Knechte von Marc Aurel. Die Mutter hatte noch drei Kinder, wusste die familiäre Überlieferung zu berichten. Ihr Name ist heute verloren. 

„Wir werden ihren Namen finden. Nichts geht verloren, wir vergessen nichts, kein Detail ist ohne Bedeutung, weil das Ganze entscheidend ist“, wird der Protagonist sagen”. Und der Protagonist hörte sich genau dies sagen, als er diese Worte las, und sprach weiter: “…es ist Sarah aus der damaligen Zukunft, die durch den Schlitz verschwand, als sie ihr Kind retten wollte.” Sie wurde zu einer Nachfahrin Naftolis und so zu einer Vorfahrin Naftalis. Ein Paradoxon auf den ersten Blick. Ist ihr Verschwinden Schicksal oder Unglück? Plan oder Willkür? Ein Kreislauf über die Jahrtausende beginnt sich zu schließen. “Kann dies sein?”, fragt sich der Protagonist und nickt bestätigend in seine Brust innerlich hinein: “Ja, es kann sein, sie ist eine Verschränkung zweier Leben. Was dem einen geschieht, geschieht dem anderen. So hat das Kind quantenphysikalisch überlebt in und über viele Leben und ist heute bei Naftali angekommen.”


Ein riskantes Unternehmen bleibt es dennoch, denn die Freiwilligen dürfen nur mit konventionellen Waffen und Ausrüstung hinaus und falls sie gefangen gesetzt werden, wird per Funksignal eine tödliche Dosis sofort wirksamen Giftes freigesetzt, welches in Sonden geschluckt wird. Kein Einsatz dauert länger als vier Stunden. Wer über diese vier Stunden ist, stirbt. Man muss verhindern, dass auch nur das geringste Wissen in die Welt Y gelangt. Auch wir gehen ein Risiko ein. Meist sind es friedensbewegte junge Männer und Frauen mit lauteren und besten Motiven, die diesen Weg wagen. Es gehen unsere Besten raus. Selten unternimmt jemand diesen Ausflug ein zweites Mal. Jeder, der auch nur einmal in der Welt Y war, weiß, dass Frieden und offene Grenzen nicht mehr möglich sind.


Die eingesammelten Kinder werden Teil unserer Welt. Sie haben eine zweite Chance. Andere nicht. Sie, die Kinder, werden nie erfahren, woher sie stammen. Man ist sich des Risikos bewusst, denn irgendwann kann ein Kind doch nach seiner Herkunft fragen zu beginnen, da – aus welchen Gründen auch immer – Zweifel in ihm aufkamen. Man wird sich des Problems annehmen, wenn es da ist.


Die Welt wirkt düster, wir sind Zuschauer in einem einsamen Schauspiel. Auch uns ergreifen das Grauen und das Mitleid. Wir leben in Freiheit, Sicherheit und Wohlstand und vollständig vernetzt, aber ohne Google und facebook, weil sie Feinde der Freiheit sind. Viel zu spät hatte man die Absichten verstanden. Da draußen tobt der Irrsinn: Reihenweise werden Menschen enthauptet, Massenvergewaltigungen, um Sklaven, die als Arbeitskraft und dann als Nahrungsquelle dienen, zu züchten. Die Diktaturen bekämpfen sich ohne Unterlass gegenseitig. Wird eine feindliche Stadt erobert, werden die erbeuteten Menschen in ihre Rohstoffe zerlegt und dienen als Nahrung. Entsprechend erbittert und gnadenlos werden die Kämpfe geführt, denn der Verlierer, der Unterlegene wird gefressen. Die Schlachtfelder sind menschenleer und keine Toten sind zu sehen. Nur Frauen, solange sie gebärfähig sind, werden kurzfristig verschont. Nach der Geburt werden auch sie geschlachtet und gefressen.


Wir verdrängen die Welt Y, wie wir sie nennen, da draußen, außerhalb unserer Schilder vor unseren Toren, wo auch unsere mächtigen Wehrtürme und noch gigantischeren Wasser- und Luftreinigungsanlagen stehen. Unsere Anlagen säubern die Luft und das Wasser der Welt, das wir in neu geschaffenen globalen Kreisläufen durch unsere Kläranlagen ziehen, denn die Barbaren draußen kümmern sich nicht darum und verheizen den letzten Tropfen Öl. Energie ist zum Glück kein Problem mehr, seitdem wir Solarzellen mit 102 % Wirkungsgrad haben. Dies erreichen wir durch monströse Kraft-Wärme-Kopplungen, die der Atmosphäre laufend Wärme entziehen. 

Diese Kopplungen weisen Mauern von 1000 Metern und mehr auf. Auf ihren Kronen sind dann noch Turbowindräder, die zusätzlich Strom liefern, indem der Jetstream durchfließt, montiert. So stoppen wir die Klimaerwärmung und können diese sensationellen Wirkungsgrade erreichen, da wir die Solarzellen-Anlagen auf nahe den Nullpunkt abkühlen können, was den Wirkungsgrad steil ansteigen lässt. Je größer die Differenz zwischen Eingangs- und Ausgangstemperatur einer Maschine ist, umso größer ist ihr Wirkungsgrad.


Täglich sterben Millionen, wenn sie von ihren Schlächtern gegen den Schild – mit den Absichten, vielleicht doch diesen Schild zu überwinden und auch, um sich unnötiger Esser zu entledigen – getrieben werden, denn der Hunger greift immer mehr um sich. 

Das Schlachten von Menschen reicht nicht aus. Es fehlen das Wissen und die organisatorische Intelligenz, eine neue Landwirtschaft zu schaffen, die nicht die Böden und das Wasser verseucht. In Welt Y wird die Ernte immer giftiger und weniger. Ein fataler Kreislauf. Wir haben das Buch der Verschwörung gegen das Judentum in ein sicheres Versteck gebracht. Niemand hat es bisher zu Gesicht bekommen, niemand soll es zu Gesicht bekommen; vorläufig. Die Welt ist eine andere geworden.

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